Claudia Neeser, Raiffeisenbank Erlinsbach, haben Sie Mut …?

Ein Gespräch über Führung und Emotionen

Claudia N

«Haben Sie Mut?» Wer Claudia Neeser kennt, weiss, diese Frage ist überflüssig. Die Frau getraut sich Einiges. Und vor einem Gespräch über das Führen fürchtet sie sich nicht.

Die fröhliche Frau redet gerne. Sie sagt von sich: «Ich führte schon als Kind. Man wollte mir zwar weismachen, dass nicht immer alles nach meinem Kopf gehe. Ich aber liess mich nicht beirren. Wenn etwas nicht passierte, wie ich wollte, wurde es schwierig.» Sie erzählt die Geschichte von der Lehrstelle. «Ich bewarb mich ohne Wissen meiner Eltern für einen KV-Ausbildungsjob bei einer Maschinenfabrik.» Claudia Neeser, damals 15-jährig, erhielt den Job, unterschrieb den Lehrvertrag und brachte das Dokument zur Zweitunterschrift mit nach Hause. «Die Eltern staunten. Ich machte, was ich wollte. Sie akzeptierten das, sehr oft. Weil sie mir vertrauten», sagt Claudia Neeser.

Claudia Ott: Können Sie Ihren Führungsstil in drei, vier Sätzen beschreiben?
Claudia Neeser:
Direkt, klar, offen, kommunikativ und konsequent. Wenn etwas falsch läuft, sage ich es sofort. Ich meine es ja gut mit ihm, mit ihr. Und ich erwarte von Mitarbeitenden, dass sie selbstständig sind, Entscheidungen treffen. Ich lobe und wertschätze sie. Zudem kann ich Fehler verzeihen, wenn jemand offen dazu steht. Humor habe ich übrigens auch.

Was ist Ihnen wichtig bei der Führung?
Mitarbeitende, Kollegen in der Leitung oder die Leute im Verwaltungsrat, sie sollen auf das hören, was ich sage. Sie sollen zuhören und dann selbstständig handeln. Ich weiss, dass ich ganz klar ausdrücke, was ich will. Und ich weiss, dass ich auch Wertschätzung rüberbringe.

Sie sind sehr direkt?
Ja, ich bin immer direkt. Ich lobe, gebe Komplimente weiter. Ich bin aber auch direkt, wenn es für mich nicht stimmig ist.

Sie stellen sich schützend vor Ihre Leute?
Natürlich mache ich Betroffene zu Verbündeten. Sage ihnen etwa: «Du bist mir wichtig.» So gebe ich meine Meinung weiter. Stelle mich vor meine Mitarbeitenden. Sage: «Du passt ins Team.»

Loyalität ist wichtig?
Unbedingt. Die Mitarbeitenden stützen mich. Ich stütze sie.

Was, wenn Sie Kritik aussprechen müssen?
Ich formuliere Kritik bewusst so, dass ich den anderen nicht verletze. Aber ich spreche heikle Themen an.

Lassen Sie mit sich diskutieren?
Ich denke schnell, und dann ist es schwierig, mit mir zu lamentieren. Aber wer es auf den Punkt bringt, hat alle Möglichkeiten, mich zu überzeugen. Für Ideen bin ich immer offen.

Können Sie mit dem Begriff «emotionale Führung» etwas anfangen?
Führung und Emotionen sind sehr nah, unabdingbar voneinander. Ich bringe sehr viele Emotionen in die Führung. Wir sind alles Menschen mit Emotionen, egal ob in Führungspositionen oder nicht.

Claudia Neeser ist eine von wenigen Frauen, die an der Spitze einer Raiffeisenbank stehen. Wer sie kennen lernt, spürt ihre Leidenschaft. Sie ist selbstsicher. Weiss, was sie kann und was sie will. «Das stimmt», sagt sie.

Was fasziniert Sie daran, jemanden zu führen?
Das sind meine Veranlagung und meine Leidenschaft, das mache ich gerne. Ich scheue die Verantwortung nicht. Ich mag Menschen sehr.

Was nervt Sie?
Mitarbeitende die nicht bereit sind, sich voll zu engagieren und einzusetzen. Menschen welche weder ihr Potential noch ihre Fähigkeiten ausschöpfen. Und diejenigen, welche keine Verantwortung übernehmen für ihr Tun.

Wer macht Ihnen Freude?
Ich habe gerne ehrgeizige Leute. Leute, die genau arbeiten, sich engagieren, zuverlässige Leute. Ich führe gerne Mitarbeitende, die Verantwortung übernehmen, Entscheide fällen und nicht ständig nachfragen. Mir machen selbstständige Leute Freude. Leute, die Humor haben.

Was ist belastend an einer Führungsaufgabe?
Unangenehme Botschaften kommuniziert niemand gerne. Ich ebenfalls nicht. Aber ich nehme meine Verantwortung wahr.

Belastet Sie das nicht?
Logisch nimmt es mich emotional her. Es belastet mich vorher und nachher. Trotzdem: Ich erledige das direkt, rede nicht um den heissen Brei rum. Bewahre stets den Respekt zu meinem Gegenüber.

Was machen Sie, wenn sich jemand nicht führen lässt?
Ich setze mich durch. Es geht ja nicht um mich, es geht um meine Leute, um die Organisation.

Wo nehmen Sie den Unterscheid wahr in der Führung zwischen Mann und Frau?
Aus der Erfahrung: Frauen trauen sich leider oft weniger zu. Sie wollen keine Fehler machen, nehmen vieles persönlich. Frauen sagen viel zu wenig «so what!».

Sie schon?
Ich traue mir viel zu. Und mache gegenüber Vorgesetzten keinen Hehl daraus.

Welche Visionen haben Sie in der Führung?
Ich wünsche mir mehr starke, mutige und offene Menschen in der Geschäftswelt. Mehr kompetente Führungspersönlichkeiten. Ich finde, die Leute sollen Verantwortung übernehmen und sagen, was sie wollen. Ich möchte keine Leute haben, denen alles gleichgültig ist, die keine Leidenschaft haben und denen die Freude am Beruf fehlt.

Sie führen gerne?
Ja. Es gibt mir Genugtuung. Wenn ich führe, bin ich voll in meinem Element. Alles, was mit Führung zu tun hat, macht mir Freude. Ich gebe mein Wissen gerne weiter und teile meine Erfahrungen mit interessierten Menschen.

Lassen Sie sich führen?
Doch, selbstverständlich. Ich lasse mich führen. Aber am liebsten von kompetenten Leuten. Von Leuten, die wissen, was sie wollen. Solche Personen müssen konsequent sein. Dann können sie für mich sogar zu einer Art Vorbild werden.

Wie muss «Ihre» Führungsperson sein?
Im Idealfall kann Sie etwas, das ich nicht kann. Mich muss jemand herausfordern, an mich hohe Anforderungen stellen.

Was fasziniert Sie am „Mut-Projekt“ von ottpunkt AG?
Die Menschlichkeit kommt mehr zum Tragen in der Geschäftswelt, Emotionen bekommen einen wichtigen Stellenwert. Das ist mir persönlich sehr wichtig.

Was ziehen Sie für einen persönlichen Nutzen aus diesem Interview?
Ich war aufgefordert, meine Führungsarbeit zu reflektieren und mir bewusst zu werden, was ich wirklich kann und will. Ich bekam meine Motivation gespiegelt und das Bewusstsein wie ich im Alltag führe.

Claudia Ott dankt Claudia Neeser für ihre Offenheit, ihre Zeit und vor allem für ihren Mut bei diesem Projekt mitzuwirken!

Interview: Claudia Ott,  Foto: Daniela Friedli

 

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